Alles LIEBE

In unserem Viertel wohnt eine Frau.

Sie zieht jeden Tag ihre Runden durch die Gassen und Straßen, mittlerweile mit einem Gehwagen. Sie trägt saubere Kleidung, ist immer dem Wetter entsprechend angezogen. Sie wirkt versorgt. Alle kennen sie. Sie dreht ihre Runden schon sehr lange.

Und dennoch zieht sie Aufmerksamkeit auf sich.

Heute Morgen hatte ich wieder diesen inneren Impuls, mich umzudrehen und ihr eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Sie beleidigt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Männer, Frauen, Kinder, Hunde. Alles, was ihren Weg kreuzt. Heute habe auch ich wieder eine ordentliche Schelle abbekommen.

Sie nutzt krasse Worte. Vulgär. Unter der Gürtellinie. Verachtend. Mit kratzender Stimme schleudert sie jedem lebenden Wesen eine vernichtende Widerlichkeit hinterher – und sieht dabei selbst höchst angewidert aus.

Als die Kinder klein waren, brauchte es noch ein paar mehr Worte, um dieses Phänomen zu erklären. Immer mal wieder stand ein puterrot wütender Bauarbeiter vor ihr – der „Hurensohn“, dem sie gerade die Krätze an den Hals gewünscht hatte, während er sich im Straßengraben um unsere Abwasserentsorgung kümmerte.
Er war nicht von hier.

Die schallende Ohrfeige ist nicht mein Stil und doch für meine Würde verführerisch. Aber nein: Die Frau ist krank.
Ihre Beschimpfungen sind Ausdruck dieser Krankheit. Tourette-ähnlich müssen sie einen Adressaten finden – ohne Anlass, ohne Schuld, ohne Zusammenhang. Unabhängig von Gemeinsamkeiten oder Unterschieden, die je das Licht des Lebens erblickt hätten.

Sie ist krank und gleichzeitig frage ich mich: Ist unsere Gesellschaft nicht auch ein wenig so geworden? Sind all die Menschen krank, die andere beschimpfen, ohne sie zu kennen? Oder gehen wir mit ihnen ähnlich um wie mit der Frau mit dem Gehwagen – indem wir es aushalten, erklären?

Tolerieren wir nicht mittlerweile so viele Aussagen – von Nachbarn bis hin zu Staatstragenden –, die größte Empörung auslösen sollten?
In mir sammelt sich die ein oder andere Ohrfeige.

Gestern saßen wir mit Freunden beim nachmittäglichen Weihnachtsbaum-Downer. Noch einmal die Kerzen anmachen. Wir tranken Crémant und fanden viele Aussagen der letzten Monate in der Öffentlichkeit, deren Absender wir gern beherzt die Krätze an den Hals wünschen würden. Aber nein – wir sind Pazifisten. Oder möchten wir das zumindest noch von uns glauben.

Wir sprachen über Wutbürger und Mutbürger. Darüber, ob es eine Form von gesellschaftlichem Ungehorsam gäbe, die noch etwas bewegen könnte. Friedlich. Solidarisch. Oder ob wir innerlich nicht längst auch aufrüsten – wie die Staaten, in denen wir leben.

Die alte Frau in meinem Viertel sagt alles, was in ihr brennt. Krankheitsbedingt. Ihre Ausbrüche sind kein Ausdruck von Haltung, sondern von einem System, das anders nicht regulieren kann. Das zu wissen macht es leichter – verständlicher.

Aber haben wir zu viel Verständnis für das Phänomen der gurgelnden Abwertungen in den Kehlen so vieler Menschen? Flüstern wir uns gegenseitig zu: „Der ist doch krank … das System ist krank, das Miteinander ist krank, die Herleitung, die Aussage …“

Reicht das als Erklärung?
Und wo fallen all diese würdelosen, bestürzenden, schamauslösenden Aussagen hin?
Wie verarbeiten wir sie? Alles, was wir hören – im sozialen Raum, auf Social Media, in der Politik.

Gibt es in uns ein Extrafach? Wie in einem gut sortierten IKEA-Schrank? Links hinter den Socken?

Ich glaube nicht. Ich glaube, wir werden alle belastet von diesem gedanklichen Unrat. Von dem Müll und den Unachtsamkeiten, die Menschen austauschen, liegen lassen – und für die wir dann Erklärungen finden, warum wir uns nicht umdrehen und eine schallende Ohrfeige verteilen.

Ohrfeigen sind sehr sicher nicht schlau.
Nicht mutig.
Vielleicht sogar dumm.
In jedem Fall gewaltorientiert.

Aber wohin damit?
Wie verarbeitet unser System die Kälte, die Niedertracht und den Ekel der Mutlosigkeit?

Es hört sich nicht so an, aber mein eigenes System will immer wieder in die Liebe.
Ins Verstehen. Ins Begegnen.
Ins Glauben an das Gute im Menschen. Ins Vertrauen.
Ins innerliche Abrüsten. Ins gute Absichten unterstellen.

Das Gegenteil einer Ohrfeige.
Für diese Gleichzeitigkeit braucht es aber mehr Sprache.
Das macht es so schwer.

Ich wünsche uns allen ein Jahr 2026 mit echter, ehrlicher Konfrontation.
Mit dem Ansprechen von Konflikten.
Dem Benennen von Unklarheit, Spannung und Widerständen.

Ich wünsche uns ein Jahr der Reibung.
Der Echtheit.
Der Unruhe für Klarheit.
Des Verantwortung-Übernehmens.
Des Verstehen-Wollens.

Ein Jahr - nicht immer mit mehr Worten -, aber mit mehr Sprache.

Kommt gut rein.
Alles LIEBE.


foto: Shaira Dela Peña

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Die Kinder werden erwachsener, so do I.