Paella

Gerade kommen mein Mann und ich von einem kurzen Bummel über die Altonale zurück. Oder genauer gesagt: von dem, was von ihr übrig geblieben ist.

Solange wir hier wohnen, war dieses Wochenende etwas Besonderes. Das eine Wochenende im Jahr, für das man keine Einkäufe und keine Pläne brauchte, weil auf den Straßen ohnehin alles zu finden war. Und meist deutlich mehr.

Ich selbst finde Menschenmassen eher anstrengend. Zum Glück habe ich einen Mann, der das Gegenteil ist. Er liebt das Leben auf der Straße. Die Zufallsbegegnungen. Die Nachbarn, die man seit Monaten nicht gesehen hat. Das Essen aus der Hand. Das Sitzen auf Bierbänken. Das Gefühl, Zeit zu haben, ohne auf die Uhr zu schauen.

Seine Liebe hat mich angesteckt.

Als unsere Töchter klein waren, standen sie auf den Bühnen der Kinderstraße und führten Tänze auf. Später spielten sie Spiele, gewannen Kleinigkeiten oder stellten sich mitsamt ihren Klamotten unter eine Dusche, um einen JBL-Kopfhörer zu ergattern. Große Abenteuer für kleine Menschen.

Flohmärkte. Paraden. Musik. Erinnerungen.

Wer die Altonale aus den 2000er- und frühen 2010er-Jahren kennt, erinnert sich an kilometerlange Menschenströme durch Altona und Ottensen. An hunderte Stände. An Straßenzüge voller Leben. An das Gefühl, dass für ein Wochenende ein ganzer Stadtteil sein Wohnzimmer nach draußen verlegt.

Heute wirkt vieles wie ein Schatten dieser Zeit.

Die Gründe sind bekannt. Corona war der Bruch. Danach kamen steigende Kosten, fehlende Sponsoren und immer schwierigere Rahmenbedingungen. Die Altonale kämpft inzwischen sogar um ihre Zukunft. Und trotzdem glaube ich, dass die Zahlen allein nicht erklären, was viele von uns spüren.

Es ist nicht nur ein Fest kleiner oder anders geworden.

Es ist eine Atmosphäre verschwunden.

Die Strahlkraft der Altonale wurde mir damals bewusst, als ich auf der Kunstaltonale plötzlich einer Freundin begegnete, mit der ich Anfang meiner Zwanziger durch Californien gereist war. Sie war als Künstlerin aus Stuttgart angereist und saß voller Stolz an ihrem Stand.

"Einmal hier ausstellen", sagte sie, "das wollte ich immer."

Damals kamen Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland.

Die Straße vor einem gern besuchten Restaurant roch nach Fisch, Knoblauch und Paella. Südamerikanische Musik zog durch die Gasse. Kinder rannten zwischen den Tischen hindurch. Menschen blieben länger als geplant. Niemand wusste genau, wen er treffen würde.

Und genau das war der Zauber.

Heute hat eben dieses wunderbare Restaurant die Straße auf eigene Kosten sperren lassen. Gemeinsam mit den Nachbarn haben sie Stände aufgebaut, gekocht, organisiert und versucht, ein kleines Stück dieser Magie zu retten.

Liebevoll. Engagiert. Und leider noch vom Regen bestraft.

Auf vielleicht fünfundzwanzig Metern Straßenlänge konnte man heute erleben, was früher mehrere Quadratkilometer durchzog.
Der verstümmelte Rest einer Idee. Und gleichzeitig ihr schönster Kern.

Denn Kultur ist am Ende nicht das, was auf Förderanträgen steht.
Kultur ist das, was Menschen füreinander möglich machen. Essen auf der Straße. Ein unerwartetes Gespräch. Ein kleines Geschenk für die nächste Einladung. Ein Getränk mit Menschen, die sich Mühe geben, ein Viertel lebendig zu halten.

Eine Ausstellung hat mich heute besonders berührt. Der Fotograf Johannes Hartmann dokumentierte die linkspolitische Widerstandsbewegungen der 80er-Jahre. Künstlerisch herausragend. Historisch eindrucksvoll. Vor allem aber eine Erinnerung daran, dass Menschen deutlich zeigten, dass sie nicht einverstanden waren. Ob man die Form nun gut findet oder nicht.

Kultur entsteht auch, weil Menschen sich einmischen.
Und sie verschwindet, wenn wir glauben, dass andere sich schon kümmern werden.

Ich selbst nehme mich davon nicht aus.

Ich tue vermutlich viel zu wenig für die Kultur, die mein Leben bereichert hat. Vielleicht trifft mich das Verschwinden der Altonale deshalb so.
Weil sie mich an etwas erinnert, das weit über ein Straßenfest hinausgeht: Die Dinge, die ein Leben reich machen, verschwinden selten plötzlich.
Sie werden langsam weniger. Ein Ort weniger. Eine Bühne weniger. Eine Künstler:in weniger. Eine Begegnung weniger.

Ein bisschen weniger Vielfalt.
Ein bisschen weniger Lebendigkeit.

Bis wir irgendwann davorstehen und denken: Wann genau ist das eigentlich passiert?

Ich wünschte, wir würden stärker dagegen protestieren, wenn Kultur verschwindet. Denn ein bisschen Paella auf der Straße wirken vielleicht klein. Aber genau daraus entsteht das Gefühl, zu Hause zu sein.

Und das ist größer, als wir oft glauben.

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