Reichtum
Es ist Sonntag, 8.32 Uhr.
Ich bin aufgestanden, weil so viele schöne Ideen, Menschen und Verbindungen mit Menschen in meinem Kopf immer mehr Form annehmen.
Ich hatte zwei intensive klärende Wochen. Befürchtungen, die alten Ungereimtheiten, Anspannungen, Gegeneinander, Konkurrenz – all das wird weicher. Es weicht einem Gefühl von Freundlichkeit, einer stillen Verabredung zu „Lass uns uns gegenseitig positive Absichten unterstellen“.
Wir teilen gemeinsame Erinnerung an einen Song. Mehrere, natürlich. Aber dieser eine berührt unsere Einsamkeit. Dieses Gefühl, das wir manchmal haben, obwohl wir so viel teilen. So sehr zusammengehören.
Dieses Ringen darum, erkannt zu werden. Verständnis im Unverständnis zu finden. Akzeptanz unserer Unterschiedlichkeit.
‘Mach das Licht noch einmal an’ heißt der Song, von Klaus Hoffmann. Eine Einladung, dass Licht immer wieder anzumachen.
Ich bin die, die aufbricht, streitet, den Finger in die Wunde steckt. Auch in die eigene. Muster sieht, viel verlangt. Aber er kann es spüren und findet Worten, Balance, sich darin wieder. Wir sind laut und krass, wenn wir in die Enge kommen; und manchmal fordernd wie die Verzweiflung des Kindes, das wir einmal waren. Uns treibt es immer wieder in eine Ecke oder auch in die Macht. Unsere Worte sind oft zu schnell und wir werten ab. Wir kennen unsere Dämonen sehr gut. Nun lernen die Dämonen, sich zusammen zu tun, gegen die Herausforderungen und nicht gegeneinender.
Ich kann inzwischen besser aushalten, dass Wahrhaftigkeit auch bedeuten kann, etwas zu riskieren. Und alltägliche Freundlichkeit eine Entscheidung ist.
Wir hatten gestern einen der wunderbarsten Abende, an die ich mich in unserer gemeinsamen Geschichte erinnern kann.
Seit einer Weile veranstaltet eine Freundin eine wunderbare Day-Dance-Reihe in Hamburger Clubs. Alle paar Wochen kommen wir gegen sechzehn oder siebzehn Uhr zusammen, um bis zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Uhr miteinander zu feiern. Ein Club für Menschen, die keinen Bock mehr haben, sich die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen, sonntags bewegungsunfähig auf dem Sofa zu liegen und darauf zu hoffen, dass die Kopfschmerzen aufhören. Wir sind älter geworden. Auch schöner, aber anders. Wir sind gegen Mitternacht im Bett und haben trotzdem einen reichen Abend erlebt. Beschenkt von einer einzigen Energie, die „assuming positive intent“ kaum purer leben kann. Und elektronische Musik, wie sie viele gern einmal erleben würden. Für uns ist sie die Schnittstelle unseres Freundeskreises.
Ich liebe DJanes. Vielleicht weil sie oft noch näher daran sind, zu spielen, was wirklich von innen kommt. Intuition, Tiefe. Mega krass und Grenzen sprengend. Fast ein bisschen wahnsinnig.
Wir waren verbunden mit uns selbst, miteinander und mit der Magie des Moments. Und Drogen sind nicht mein Ding. Mein Uhrtrieb sagt Kontrolle, die Dinge in der Hand haben.
Frauen oder Männer. Menschen. So schöne Frauen. Innen und außen.
Die Freunde sind da. Ein Gefühl – vielleicht zum ersten Mal – von wirklicher Zugehörigkeit.
Nächste Woche feiern wir unseren fünfundzwanzigjährigen Hochzeitstag auf einer wunderschönen, riesigen Finca auf Teneriffa. Ein guter Freund verwaltet, gestaltet und belebt diesen Ort von Menschen für Menschen. Be and see.
Er ermöglicht uns vier Tage mit unserem innersten Kern. Ein kleines privates Festival.
Ein paar wichtige fehlen. Aber das müssen wir aushalten.
Der Mut, unsere Freunde zu fragen, ob sie für uns in den sauren Apfel eines leider nicht ganz günstigen Fluges nach Teneriffa beißen würden, hatte etwas von Hin und Her. Für und Wider. Dazu eine krasse Nachricht vom Finanzamt. Und gleichzeitig dieser Wille, darauf zu scheißen, weil wir nur einmal leben. Und nur einmal fünfundzwanzig Jahre verheiratet sind.
Wir fliegen am 13. Die ‘Gäste’ kommen am 14. Mai. Und wir bleiben bis Dienstag.
Donnerstag treffen wir uns auf ein erstes Getränk am frühen Abend. Im Paradis Garten, am Berg mit Blick auf den Ozean.
Wir sind festivalerprobt. Alles ist einfach. Keine Orga-Dringlichkeits-Nerds. Überall der Mut, Dinge auf sich zukommen zu lassen.
Dieser Ort ist fantastisch. Pool, Sauna, Yogaraum, herrschaftliche luxuriöse Zimmer und sogar Menschen des Hauses, die versuchen werden, uns diese Zeit so angenehm wie möglich zu machen.
Er und ich richten den Donnerstagabend aus und das Frühstück am Freitagvormittag. Nicht nachdenken müssen. Auch für uns Ankommen, Sein. Danach organisieren wir zusammen.
Unsere Kinder kommen mit. Mittlerweile erwachsen. Das größte Geschenk unseres Lebens. Herausfordernd manchmal - natürlich. Aber in der Überzahl die größte Bereicherung meines Lebens.
Wir sind mit allem auf den letzten Drücker. Das können wir nicht anders. Eigentlich entscheiden wir uns immer wieder erst sehr spät und nehmen es dann genau so, wie es kommt.
Für Freitagmittag habe ich einen Breathwork Workshop organisiert. Nicht ganz anderthalb Stunden. Eintauchen. Ankommen. Ein Experiment.
Natürlich gibt es auch mal ambivalente Gefühle untereinander. Zumutung, Irritation. Aber dahintersteht immer ein gutes Herz. Ein Suchender, eine Suchende. Wir wollen das Gute sehen und uns genau damit beschenken. Auch wenn wir selbst es vielleicht nicht immer sehen können. es gibt kreative Zugpferde. Auch mein Süßer. Ein Mensch, der gern alles mit einer fetten Party feiern will, was irgendwie nach feiern richt. Ein Herz, das mit Musik und den Möglichkeiten verbunden ist – anstatt mit Begrenzungen.
Das macht diese Mensch sehr kostbar, für jeden von uns. Und es gibt die, die bei jedem Scheiß dabei sind. Die erstmal Ja sagen. Und erst danach gucken, ob es wirklich geht. Und für einige ging es einfach nicht. Das hat auch Hand und Fuß. Schade, aber nichts kann uns auseinander treiben.
So schauen wir aufeinander. Seit über zwanzig Jahren. Jeder hat seine Marotten. Jeder liegt mal daneben. Natürlich auch wir. Aber Toleranz, Spaß und außergewöhnliche Momente sind unsere Schnittmenge.
Sein. Chillen. Feiern. Fühlen. Halt finden in der Akzeptanz unserer Unterschiedlichkeit.
Diese Menschen haben wir uns getraut zu fragen:
„Wollt ihr mit uns auf Teneriffa diese fünfundzwanzig Jahre feiern? Auf unsere Art?“
Wir haben das DJ-Pult draußen. Das Essen am Bistro. Lange Tafeln. Liegen im Gras. Überall Blumen und Wohlwollen. Sommer innen und außen. Das wird herrlich. Für die Tage haben wir immer wieder kleine Anregungen organisiert. Leichtfüßig. Einfach. Und mit der Freiheit, es auch sein zu lassen, wenn es sich nicht passend anfühlt. Eine Yoga-Session mit einer Freundin. Ein kurzes Erlebnis mit dem Konzept des Ateliers. Eine Wanderung mit einem Freund, der halb auf Teneriffa lebt.
Alles nur Optionen. Aber selbst das Weglassenkönnen bringt schon eine schöne Energie.
Es kommen Menschen, mit denen wir viel Zeit verbringen. Manche, die weit weg wohnen. Unsere Trauzeugen. Alte Freunde, zu denen ich auch den Host zähle. Unsere Kinder. Menschen, die immer meine Familie waren.
Ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht und sitze mit einer Einhorn-Tasse aus der Kindheit meiner Kinder in meiner gemütlichen Sofaecke, das Laptop auf dem Schoß. Mit so viel Liebe in mir.
Im Hintergrund winken unsere Winkekatzen Glück und Reichtum in die Räume. Ich bin körperlich erschöpft von sechs Stunden Durchtanzen und einem Spaziergang vom Hafen nach Hause. Muskelkater vom Lächeln unter Menschen, die einander eine gute Absicht 'unterstellen'.
Das ist ein Raum, den wir als Energie mit nach Teneriffa nehmen.
Und nun teile ich die Zimmer für die fünfundzwanzig Menschen auf, die es möglich gemacht haben zu kommen. Voller Freude. So, wie ich es haben will. Kein schlechtes Gewissen. Sondern frei und Teil einer Gemeinschaft, die ich nicht höher schätzen könnte.
Die begeisterte Resonanz dieser Menschen.
Und am Ende ein: „Ich bin dabei.“
Fünfundzwanzig Menschen, die trotz eigener schwieriger Lebenslagen eine kostspielige Reise und ihre Zeit für uns auf sich nehmen, um uns zu feiern.
Ich habe mich selten so gewollt, gesehen und ganz und gar richtig gefühlt.
Das ist Reichtum.