Bretagne

Seit ich ein Kind war, träume ich immer wieder davon, in der Bretagne zu leben. Die schroffen Klippen, die weiten Strände, Fischerdörfer, gutes, schlichtes Essen und Menschen, die fröhlich, freundlich und zugleich unaufdringlich, irgendwie würdevoll erscheinen.

An der Küste möchte ich sein, etwas einsam - und doch mit der Möglichkeit, unter Menschen zu gehen. Ein kurzes Gespräch beim Bäcker, ein Lieblingslokal mit diesem guten Wein und diese unendlich berührende Natur. Ungezähmt, den Blick immer aufs Meer gerichtet.

Als Kind bin ich mit meiner Mutter und einer Freundin von ihr drei Wochen durch diese Küstenlandschaft gefahren - mit dem Fahrrad. Wir hatten wunderbare und schräge Situationen, ein paar Fotos und unendlich viele Eindrücke, die für immer in meinem Herzen gespeichert sind. Eine solche Reise ist fast so schnell vorbei, wie sie begonnen hat. Und doch hat sich diese Langsamkeit, diese Nähe und Unmittelbarkeit tief in mir ausgebreitet.

Noch immer - über vierzig Jahre später - kann ich bestimmte Momente wieder aufrufen und körperlich spüren: Diese Jugendherberge, an deren Essenssaal die wilden Wellen klatschten, die Blicke zu den Teenagern, den französischen Jungs, deren Stimmen ich so gern deutlicher wahrgenommen hätte, Volksfeste in irgendeinem unbekannten Nest, Pausen im Stoppelfeld mit Joghurt, Erdbeermarmelade und Baguette. Und diese unendliche Weite aus leichten Hügeln, die Beständigkeit von Steinmauern und Rhododendron, der die Häuser säumte.

Als meine jüngere Tochter zwei war, machten wir uns als Familie auf - zum ersten Mal seit meiner Kindheitserinnerung wieder dorthin. Wir hatten ein großes Tunnelzelt erstanden, mehr als fünf Meter lang und so breit, dass genau vier Luftmatratzen nebeneinander in die Schlafkammer passten. Herrlich. Links lag meine Große – damals acht –, dann die Kleine, ganz rechts mein Liebster und ich dazwischen. Die Matratzen knatschten, und ständig war etwas zwischen ihnen verloren gegangen: die kleinem unverzichtbaren Kuscheltiere der Kinder, unsere Leselampe, eine Socke, die Hälfte eines Kissens. Wir waren so glücklich.

Es war unsere erste Campingreise, die durch den günstigen Zeltfund eher zu uns gekommen war, als wir zu ihr. Unsere Hochzeitsreise hatten wir in einem alten Fiat im Elsass verbracht, ohne Plan, von Ort zu Ort, und wurden so beschenkt mit den schönsten Eindrücken und Erlebnissen, die man sich vorstellen kann.
Die erste Reise mit Kind - dem ersten, im Maxicosi - führte uns in einem alten Volvo Kombi in die Normandie. Zwischen Freiheit und Geschichte, zwischen frischer Liebe und Elternsein, fanden wir verzauberte Orte und vertrauten darauf, dass die richtigen Plätze zu uns kommen würden.

Noch immer steht ein kleines Foto eines alten, halb renovierten Schlosses auf unserer Küchenfensterbank, in dem wir zwei Tage verbrachten. Eine Steinmauer am Burggraben, gefüllt mit einer riesigen Schar kleiner schwarzer Vögel, die in einem wundervollen, großen Theater aus aufwallendem Zwitschern und Erkundungsflügen über uns und um das kleine Schloss herumzogen. Wir saßen mit Wein und Käse - zum ersten Mal ohne die Kleine - gegen Abend an der Mauer und prosteten uns zu. Das Fenster unseres Zimmers lag in Hörweite. Sie schlief, und wir atmeten tief ein - uns, das Leben, die Liebe.

Jahre später mit der gewachsenen Familie auf dem Weg in die Bretagne hatten wir nur eine grobe Karte mit eingezeichneten Campingplätzen. Wir waren lange gefahren und müde. Mein Liebster wollte nicht mehr. Hier schien doch etwas Gutes zu sein. Dort am See. Oder hier hinter dem Dorf. Aber ich hatte ein dreieckiges Zeichen ganz oben an der Küstennase entdeckt. Ein Stück noch. Kommt.

Wir wurden belohnt. Bis heute habe ich selten so eine schöne Bucht gesehen. Fünfzehn Meter Tide. Ein Campingplatz, fußläufig zum Strandübergang, entspannt angelegt und französisch lässig geführt. Viel Platz, zum Meer hin hohe Pinien und viele Möglichkeiten für Kinder, die ohne ihre Eltern das Leben erkunden. Zwei kleine Esel schrien dem Morgen entgegen und störten den ein oder anderen Langschläfer. Baguette und Croissants in einem kleinen Kiosk am Meer. Wir waren am richtigen Ort.

Ich brauchte ein bisschen, um runterzukommen, drehte die ein oder andere Runde um das Zelt, um mein Nervensystem langsam auf Urlaub einzustellen. Schon nach wenigen Stunden zogen die Kinder allein los, zu einem Spielbereich am Eingang. Dort hatten sie andere Kinder gesehen. Die Große - blond, mit rotem Cappy, mutig und neugierig. Die Kleine – in einem bunten, von ihrer Oma gestrickten Pullover, der ihr noch über den Oberschenkel reichte. Mit ihren Schlappen und im wechselnden Licht des Wolkenspiels verabschiedeten sie sich von uns.

Und wir machten große Augen, als sie nur eine Stunde später mit zwei Kindern im Schlepptau zurückkamen. Geschwister - Junge und Mädchen, etwa so alt wie unsere Große - aus Köln.
In zwei Wochen kommt die Frau, die das Mädchen aus Köln geworden ist, mal wieder nach Hamburg. Sie ist als DJane für ein Interview eingeladen und schläft bei uns. Noch heute sind wir eng mit den Kölnern befreundet.

Wenn Orte einen berühren, berühren auch die Menschen dort. Die Energie, die Offenheit, dieses einfache Seindürfen hat uns verbunden und eine beachtliche Portion Spaß und Gemeinsamkeit in diesen Urlaub gebracht. Einige Bilder sind fest in meine Erinnerung gebrannt: Der Grill auf dem Boden, der Teppich im Zelt, die Strömung, der Kiosk mit den Zeitschriften, die wir nicht lesen konnten, und der Geruch von frischen Croissants.

Jedes Mal, wenn wir zum Strand gingen, sah die Bucht aus wie ein neuer Ort. Die Tide ließ Felsen verschwinden und wieder auftauchen. Menschen sammelten Muscheln, Einheimische bestanden auf die vorderen Parkplätze. Das kleine Restaurant auf der leichten Steilküste hatte die Tendenz, schick sein zu wollen - und erlaubte doch eine Rast mit Pommes und Eis.

Moules Frites - ein Gericht, das ich bis heute nur esse, weil es für mich so eng mit der Bretagne verbunden ist. Mit einem Lebensgefühl, das ich als große Sehnsucht in mir trage. Muscheln mag ich es eigentlich nicht besonders.

Seit sieben Jahren haben wir eine kleine Wohnung am Meer. Sie gehörte vorher meinen Schwiegereltern. Wir haben hier etliche Urlaube mit den Kindern und Pärchenwochenenden verbracht.

Wir schauen über die Halbinsel, den Wald, ein Stück der Bucht bis auf das glitzernde Meer. Die Dünen und weichen Waldwege beruhigen mich und geben mir ein Gefühl von Heimat. Wir sehen das Wetter in der Weite und sind Teil davon. Ich spüre die Rehe, die hinter den Waldwegen in den Knicks leben, atme das Moos und das Moor. Die Weite der Strände und das flache Land lassen mich tief atmen. Der Blick bis zur nächsten Bucht, zum kleinen Leuchtturm, zu den Deichen, zum Strandhafer und Dünengras.

Und der Wind.
Die lebendige Gewissheit, dass nichts gewiss ist.

Ein bisschen bin ich auch hier in der Bretagne.
Gar nicht weit von Hamburg.

Ich Glückspilz.

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Alles LIEBE